Was als vermeintliche Tierrettung begann, entwickelte sich in den vergangenen Tagen zu einem nervenaufreibenden Krimi in einem Wald bei Priegendorf (Landkreis Bamberg). Drei junge Wildkatzen wurden versehentlich aus ihrem natürlichen Lebensraum gerissen. Dank des schnellen und koordinierten Einsatzes von Behörden und Naturschützern konnte das tierische Familiendrama nun jedoch ein glückliches Ende finden.
Gut gemeint, aber gefährlich: Die Verwechslung im Wald
Alles begann mit einer klassischen Verwechslung: Zwei Frauen waren mit ihren Hunden im Wald unterwegs, als die Vierbeiner drei Kätzchen aufspürten. Im Glauben, es handle sich um ausgesetzte, hilfsbedürftige Hauskatzen, nahmen die Frauen die Tiere trotz heftiger Gegenwehr mit. Was sie nicht wussten: In den regionalen Waldgebieten haben sich inzwischen wieder seltene Wildkatzen angesiedelt. Die Jungtiere waren keineswegs verlassen, sondern warteten lediglich auf ihre Mutter. Da sich junge Wildkatzen und graugetigerte Hauskatzen optisch kaum voneinander unterscheiden lassen, ist ein solcher Irrtum keine Seltenheit – für die Tiere bedeutet er jedoch enormen Stress.
Zwischenstation Tierheim
Über Umwege landete das Trio schließlich im Tierheim Bamberg. Für die Wildtiere war der Aufenthalt in der ungewohnten Umgebung eine erhebliche Belastung. Fremde Gerüche, Menschen und Hundegebell versetzten die Kätzchen in Panik. Zudem bestand in der Einrichtung die Gefahr, dass die Jungtiere mit Krankheitserregern in Kontakt kommen, gegen die sie im Wald keine Abwehrstoffe entwickelt hätten. Zum Glück reagierten die Verantwortlichen besonnen und brachten die Wildkatzen sofort in der Quarantänestation unter. Als die untere Naturschutzbehörde informiert wurde, liefen die Drähte heiß. Die Behörde kontaktierte die Finderinnen, wertete die Fundumstände aus und zog Experten des BUND Naturschutz in Bayern e. V. hinzu. Schnell stand fest, dass es sich tatsächlich um Wildkatzen handelt. Bevor man die Tiere in eine Wildtierauffangstation bringen würde, wollte man in der unteren Naturschutzbehörde jedoch einen Versuch wagen, die Tiere zurückzusetzen, wie Fachreferent Bernhard Struck erklärte.
Wettlauf gegen die Zeit
Die Aktion stand jedoch unter keinem guten Stern, denn die Zeit drängte. Wegen eines verlängerten Wochenendes dauerte es insgesamt sechs Tage, bis alle Details geklärt und die Vorbereitungen abgeschlossen waren. Die Experten zeigten sich skeptisch, ob die Katzenmutter ihre Jungen nach fast einer Woche Abwesenheit und behaftet mit menschlichem Geruch überhaupt wieder annehmen würde oder ob sie das Revier längst aufgegeben hätte. Die Prämisse für das Team war riskant, denn ohne den erneuten Kontakt zur Mutter hätten die Kätzchen wieder mitgenommen und in eine Auffangstation gebracht werden müssen.
Das nächtliche Happy End im Unterholz
Am einem Dienstagabend startete das finale Experiment. Die drei Kätzchen wurden zurück in das Waldgebiet transportiert. Nur wenige Meter von ihrem ursprünglichen Fundort – einem hohlen Baumstumpf – entfernt, platzierten die Helfer eine getarnte Transportbox, die mit heimischer Laubstreu präpariert worden war. Wildkameras, die Live-Bilder auf die Smartphones der Naturschützer übertrugen, sicherten das Areal ab. Kaum zurück im Wald, legte sich die Nervosität der Tiere und Naturschutzwächter Thomas Stahl stellte erleichtert fest, dass sie sich sofort wieder wie zuhause fühlten. Dann begann das große Warten im Dunkeln, bis kurz vor drei Uhr morgens endlich Bewegung in die Szene kam.
Wildkatzenmutter nähert sich der Box
Eine erwachsene Wildkatze näherte sich der Box, zeigte großes Interesse an den Jungen und ließ sich auch vom menschlichen Geruch nicht abschrecken. Um genau 3:20 Uhr wurde die Box schließlich aus der Ferne geöffnet. Als die Helfer im Morgengrauen eine Nachschau vor Ort durchführten, war die Transportbox komplett leer und von den Kätzchen fehlte jede Spur. Aufatmen bei den Rettern Die Erleichterung bei allen Beteiligten ist riesig. Die Naturschützer sind sich sicher, dass es sich bei dem erwachsenen Tier um die Mutter gehandelt hat und die Kleinen nun wie vorgesehen in der freien Natur aufwachsen können. Besonders der Finderin fiel ein Stein vom Herzen, da sie die Kette der Ereignisse zwar in bester Absicht, aber dennoch unwissentlich ausgelöst hatte. Aus diesem Vorfall ziehen die Experten wichtige Lehren für die Bevölkerung: Zum Schutz dieser bedrohten Tierart sollten Hunde im Wald grundsätzlich nicht stöbern gelassen werden. Wer im Unterholz auf graugetigerte Kätzchen stößt, sollte diese keinesfalls anfassen oder mitnehmen, sondern stattdessen umgehend die Naturschutzbehörden oder den BUND Naturschutz kontaktieren.