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Oberfranken: Gewalt gegen Polizeikräfte steigt weiter an

Auch im Jahr 2020 war ein erneuter Anstieg an Straftaten festzustellen, die sich gegen Polizeibeamtinnen und –beamte in Oberfranken richteten. Die Tendenz des steigenden Gewaltpotentials setzt sich das fünfte Jahr in Folge fort. Über 100 Fälle mehr als im Vorjahr registrierte die oberfränkische Polizei. Somit wurde 2020 mit 802 der höchste Wert der seit zehn Jahren geführten polizeilichen Statistik registriert. Bei genauer Betrachtung der Statistik konnte die Polizei daraus ableiten, dass oberfränkische Beamtinnen und Beamte einer erhöhten Gewaltbereitschaft entgegentreten mussten. Dies teilt die Polizei in einer Pressemitteilung am Montag (17. Mai) mit.

Corona bringt die Tatorte auch in private Haushalte

Vor allem private Örtlichkeiten, also der Wohn-, Haus- und Gartenbereich, verbuchten einen Zuwachs bei den Übergriffen. Hierfür dürften die pandemiebedingten Einschränkungen des öffentlichen Lebens verantwortlich sein. Demnach verwundert es auch nicht, dass die Discotheken eine untergeordnete Rolle als Ausgangspunkt für diese Form von Straftaten spielten. Trotz der andauernden Ausgangsbeschränkungen, welche die Bevölkerung über Monate in den eigenen vier Wänden hielt und bis heute hält, dominierte nach wie vor der öffentliche Raum, also Straßen, Wege und Plätze als Tatort. Dort geschahen die meisten Übergriffe auf die Polizeikräfte. Tendenz weiterhin steigend.

Häufung von Übergriffen bei freiheitsentziehenden Maßnahmen

Die Durchsetzung von polizeilichen Maßnahmen begründete in den meisten Fällen die Ursache für Angriffe oder Übergriffe gegen Polizeibeamte. Die meisten Angriffe resultierten aus Festnahmen, Gewahrsamnahmen und Unterbringungen, aber auch bei einfachen Identitätsfestellungen und Sachverhaltsklärungen zeigte sich ein erhöhtes Aggressionspotenzial, dem die Beamtinnen und Beamten ausgesetzt waren. Ganze 73 Übergriffe passierten, ohne  dass eine polizeiliche Maßnahme vorangegangen ist. Diese Fälle unterstrichen erneut die Gewaltbereitschaft, der die Beamtinnen und Beamten ausgesetzt sind.

Von Passivität bis zum Einsatz einer Schusswaffe

Bei der Auswertung der Angriffe stellten die Polizeikräfte unterschiedliche mitgeführte und verwendete Tatmittel sowie Begehungsweisen fest. In einzelnen Fällen trug der Täter bei einem Angriff eine scharfe Schusswaffe bzw. eine Schreckschusswaffe mit sich. Leider wurde auch in einem Fall ein Schreckschussrevolver gegen Beamte eingesetzt. Auch Messer, Reizgas und Wurfgegenstände verwendeten die Täter, um gegen die Beamtinnen und Beamten vorzugehen. Den Löwenanteil stellen jedoch die unbewaffneten Angriffe dar. 330-mal und somit statistisch gesehen fast einmal pro Tag wurden oberfränkische Polizisten mit Schlägen und Tritten angegriffen. Nicht jeder wandte aktiv Gewalt an. Etliche verweigerten sich den polizeilichen Maßnahmen auch rein passiv. Was das Aussprechen von Beleidigungen anging, war die Hemmschwelle am geringsten. Die höchste Anzahl der erfassten Straftaten stellte das verbale Ausfälligwerden dar.

Männlich, erwachsen, alkoholisiert

Wie bereits in den Vorjahren handelte es sich auch 2020 bei den Personen größtenteils um Männer, die sich gewalttätig gegenüber den Polizeikräften verhielten. Mehr als drei Viertel der Täter wiesen sich mit der deutschen Staatsangehörigkeit aus. Am häufigsten waren Eskalationen bei Erwachsenen festzustellen. Doch auch Jugendliche und Kinder wendeten bereits Gewalt gegen die Beamten an. Zwei Drittel aller Täter standen unter dem Einfluss berauschender Mittel, wobei knapp die Hälfte übermäßig Alkohol konsumiert hatte. Der Rest stand unter dem Einfluss von Drogen, Medikamenten oder einem Gemisch aus beidem.

Reichsbürger bleiben weiterhin Problem

Das seit 2017 bekannte Phänomen der Reichsbürger verlor bis heute nicht an Aktualität. Auch 2020 zeigten Personen dieser Gesinnung ihre Abneigung gegenüber staatlicher Eingriffe. Diese reichte von Widerstand, Nötigung, Beleidigung über den tätlichen Angriff bis hin zur Gefangenenbefreiung.

Mit Technik zur Deeskalation

Seit Oktober 2019 verwenden oberfränkische Beamtinnen und Beamte die Body-CamDie bisherigen Erfahrungen bestätigen mit deutlicher Mehrheit, dass der Einsatz von Body-Cams den erhofften und erwarteten Nutzen einer deeskalierenden Wirkung erbringt. Etwaige Aggressionen werden tendenziell eher unterdrückt, wenn das Verhalten des polizeilichen Gegenübers auf Video beweiskräftig festgehalten wird. Die Erfahrungen des ersten Jahres haben gezeigt, dass sich der Wert der Body-Cam nicht immer in Zahlen niederschreiben lässt. Die präventive Wirkung der Kamera ist nicht zählbar, aber definitiv vorhanden. Abschließende Erkenntnisse und fundierte Aussagen lassen sich über die Auswirkungen dieses Einsatzmittels noch nicht treffen. Durch geänderte polizeiliche Einsatzbedingungen in Bezug auf die Corona Pandemie und die nicht messbaren Präventionserfolge braucht es noch mehr Zeit, um weitere Erfahrungswerte zur Body-Cam zu sammeln.



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